Netzwerk Recherche Tagung 2016 in Hamburg

Nestbeschmutzer - Zeitung zu Netzwerk Recherche Tagung 2016

Nestbeschmutzer – Zeitung zu Netzwerk Recherche Tagung 2016

Journalisten sind alle korrupt? Nein. Aber fast 40% glauben, dass korrupte Handlungen ein Problem im Journalismus sind. So das Ergebnis einer Befragung von Journalisten/innen von Dennis Deuermeier für die Universität Hamburg. 42% der Printjournalisten geben an, dass Anzeigenabteilungen schon einmal Druck auf sie ausgeübt haben. 400 Journalisten wurden befragt. Erschreckende Zahlen. Es ist die erste Untersuchung, die es zu diesem Themenbereich in Deutschland gibt. Verlage und Rundfunkanstalten aber interessiert das Thema wenig – Vorkehrungen gegen Korruption und Einfluss etwa starker Lobbyverbände gibt es kaum. Tiefe Einblicke liefert auch Uwe Ritzer (Süddeutsche Zeitung), der zusammen mit Markus Balser den Einfluss von Lobbyisten auf die Medien recherchiert hat. In ihrem Buch “Lobbykratie” beschreiben sie, wie sich Wirtschaftsvertreter in das Gemeinwesen einschleichen und es für Partikularinteressen missbrauchen. Korruption und Lobbyismus in den Medien – das Thema ist brisant, die Folgen besorgniserregend.

Recherchen über Korruption und Lobbyismus in den Medien

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Korruptionswahrnehmung im Journalismus

+++Die Befragung ist seit dem 1. Mai 2015 beendet. Über den Menüpunkt DIE STUDIE gelangen Sie zu den Ergebnissen. +++

Luxusreisen auf Unternehmenskosten, Geschenke für die Redaktion, klebrige Nähe zur Politik, Kopplungsgeschäfte mit Werbekunden: bedauerliche Einzelfälle oder gängige Praxis im deutschen Journalismus? Eine bundesweite Journalistenbefragung im Rahmen einer Masterarbeit am Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg in Kooperation mit Transparency International Deutschland ging dieser Frage nach.

In demokratischen Gesellschaften erfüllen Journalisten grundlegende Funktionen: Sie sollen das Volk informieren, durch Kritik und Diskussion zur Meinungsbildung beitragen und damit Partizipation ermöglichen. Eine große Macht und zugleich auch eine große Verantwortung. Entsprechend wichtig ist es, dass Journalisten jede Beeinflussung durch Dritte ablehnen und hohen moralischen Grundsätzen folgen.

Dass dies in der Vergangenheit nicht immer der Fall war, wurde bereits 2013 durch die -ebenfalls in Kooperation mit Transparency International Deutschland entstandene – Kurzstudie „Gefallen an Gefälligkeiten. Korruption und Journalismus“ deutlich.
Es ist ein düsteres Bild von bestechlichen Journalisten, unethischen Kooperationen mit Redaktionen und ein Mangel an Unrechtsbewusstsein auf allen Ebenen, das die Autoren dort anhand von Fällen aus der journalistischen Praxis zeichnen. Gerade jene Berufsgruppe, die immer als erste dabei ist, den Finger auf andere zu richten, nimmt es offenbar mit den eigenen Verfehlungen nicht so genau.

Grund genug, die Journalisten und ihre Branche noch einmal genauer in den Blick zu nehmen. Im April 2015 wurde daher im Zuge einer Masterarbeit am Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaften der Universität Hamburg eine bundesweite Befragung unter Journalisten durchgeführt. Ziel der Untersuchung: Erste quantifizierbare Ergebnisse zur Wahrnehmung und Bewertung von journalistischer Korruption durch Journalisten.

Die Befragung unter 386 Journalisten zeigte, dass Korruptionsversuche im Journalismus sowohl wahrgenommen als auch persönlich erlebt werden. Dabei ist zwischen der individuellen Ebene der Journalisten und der strukturellen Ebene der Medienorganisationen zu unterscheiden. Bei ersterer sind es besonders Annehmlichkeiten, wie Geschenke oder Einladungen durch Unternehmen, die den Journalisten angeboten werden und die diese auch in Anspruch nehmen.

Eine korrupte Handlung stellt die Annahme laut Befragung für die Journalisten nicht dar. Der Versuch der Korruption beginnt für sie erst bei der Forderung einer Gegenleistung in Form von journalistischer Berichterstattung. Problematisch ist hierbei, dass sich die Forderung einer Gegenleistung in der Praxis als sehr komplex herausstellen kann. So gibt es Formen der Anbahnung, welche von den Betroffenen nicht als solche wahrgenommen werden. Die oft zitierte Schere im Kopf kann zudem dazu führen, dass Gegenleistungen auch unaufgefordert gewährt werden.

Auch auf struktureller Ebene der Medienorganisationen zeichnet sich eine zunehmende Instrumentalisierung des Journalismus ab. Auf der Suche nach neuen Einnahmequellen wird die Grenze zwischen Redaktion und Anzeigen­abteilung in Medienunternehmen durchlässiger. So sind etwa Kopplungsgeschäfte, bei denen Anzeigen gegen redaktionelle Berichterstattung getaucht werden, eine Form der journalistischen Korruption, die auch von den befragten Journalisten wahrgenommen wird. Andere in der Befragung geschilderte Fälle auf struktureller Ebene reichen sogar bis zur Erpressung. Besonders im Lokalen sehen sich die befragten Journalisten dieser Praxis ausgesetzt.

Um dieser Entwicklung entgegenzutreten bedarf es einer umfassenden Korruptions­prävention. Doch wie die Befragung zeigte, besteht hierbei im journalistischen Berufsfeld noch Nachholbedarf. Gerade freie Journalisten wissen oft nichts über das Vorhandensein eines Verhaltenskodex oder eines Compliance-Programms in den einzelnen Medien­organisationen oder Redaktionen, für die sie arbeiten. Zudem halten über 40 Prozent der Befragten die bestehenden Schutzmaßnahmen zur Verhinderung von Korruption für nicht ausreichend. An dieser Stelle muss dringend weitere Aufklärungsarbeit geleistet werden.

Die TI-Arbeitsgruppe Transparenz in den Medien widmet sich daher der Thematik Korruption im Journalismus in einer neuen Publikation. Neben einer ausführlichen Darstellung der Befragungsergebnisse gehen Autoren aus Theorie und Praxis u.a. der Frage nach, welchen Beitrag eine funktionierende Selbstkontrolle der Medien leisten kann, warum Whistleblowing im Journalismus noch in den Kinderschuhen steckt und ob es “saubere” Public Relation gibt. Die Publikation ist ab sofort hier abrufbar.

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Über

Diese Webseite ist Bestandteil der Masterarbeit „Korruption und Einflussnahme im
Journalismus“ an der Universität Hamburg. Betreuer sind Prof. Dr. Volker Lilienthal und
Prof. Dr. Johannes Ludwig. Sollten Sie Fragen bezüglich der Untersuchung haben, können
Sie sich jederzeit an mich wenden.

Mit freundlichen Grüßen
Dennis Deuermeier

Kontakt: @ddeuer