Die Studie – Methodik und Ergebnisse der Befragung

Methodik und Besonderheiten bei der Messung von Korruption im Journalismus

Aufgrund der Geheimhaltung spielt sich Korruption meist im Verborgenen ab. Die vermeintlichen Opfer der korrupten Handlung bekommen häufig nichts von der Korruption mit.[1] Diese Besonderheit stellt die Wissenschaft vor große Herausforderungen, wenn es um die Messung von Korruption geht. Speziell bei der Messung der Korruptionswahrnehmung darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es sich dabei um ein subjektives Bild handelt, welches durch verschiedenste Faktoren beeinflusst werden kann.

Nimmt z.B. eine Person ein hohes Maß an Korruption wahr, so kann dies auch dem Resultat eines ausgeprägtem ethischen Verständnis dieser Person geschuldet sein und nicht dem tatsächlichen Maß der Korruption.[2] Genauso kann es sein, dass eine Person eine faktisch korrupte Handlung nicht mehr als korrupt wahrnimmt, weil sie für die Person üblich geworden ist.[3] In der Vergangenheit hat sich in Untersuchungen gezeigt, dass das Niveau wahr­genommener Korruption nur schwach mit eigenen Korruptionserfahrungen korreliert. In der Untersuchung wurde daher sowohl wahrgenommene Korruptionsversuche als auch tatsächlich erlebte Korruptionsversuche abgefragt.

Die Durchführung der Befragung erfolgte im April 2015. Um auf die Untersuchung aufmerksam zu machen, wurden alle großen Journalistenverbände/-organisationen um Mithilfe bzw. Verbreitung des Befragungslinks gebeten. Außerdem wurden neben Redaktionen auch gezielt Multi­plikatoren aus der Journalismus- und Medienbranche angesprochen und ebenfalls um Mithilfe gebeten. Des Weiteren wurde der Link zur Befragung in verschiedenen Branchenforen geteilt. Für 30 Tage war der Fragebogen über das Internet abrufbar. Insgesamt lagen am Ende des Erhebungs­zeitraums 418 vollständig ausgefüllte Fragenbogen vor. Die Beendigungsquote lag bei 28,81 Prozent. Da die Journalisten-Definition die Teilnehmerzahl weiter eingrenzte, reduzierte sich die Stichprobe um 32 Fragebogen. Die bereinigte Stichprobengröße für die Untersuchung liegt daher bei (n=386) Journalisten.

[1] vgl. Pázmándy 2011: 191
[2] vgl. Lambsdorff 2000: 57
[3] vgl. Grafl 2011: 178

Empirische Ergebnisse der Befragung

Mit Hilfe der Befragung sollte zunächst untersucht werden, ob Journalisten Korruption im Berufsstand als Problem wahrnehmen. Hierfür wurden die Journalisten um eine allgemeine Einschätzung zur Thematik gebeten. Dies geschah mithilfe verschiedener Aussagen, welche den Untersuchungsgegenstand im Ganzen thematisieren. Die Aussage „Korrupte Hand­lungen stellen ein großes Problem im Journalismus dar“ spaltet die befragten Journalisten dabei in drei Gruppen.

Bildschirmfoto 2016-05-24 um 20.33.35

Generell ist unter den befragten Journalisten ein Problembewusstsein in Bezug auf den Untersuchungsgegenstand erkennbar. Die große Mehrheit der Befragten sieht sowohl die Unabhängigkeit als auch die Glaubwürdigkeit von Journalisten gefährdet, sollten diese sich auf eine Korruptionsbeziehung einlassen.

Bildschirmfoto 2016-05-24 um 20.35.04
(N=386. Frage: Bitte bewerten Sie die folgenden Aussagen: … )

Wahrnehmung und Erleben von individuellen Korruptionsversuchen im Journalismus

Der Aufbau des folgenden Abschnittes orientiert sich an den schon thematisierten Korruptions­formen im Journalismus. Hierfür wurden den Journalisten verschiedene Handlungssituationen zur Bewertung vorgelegt. Diese thematisieren zunächst die individuellen Korruptionsversuche im Journalismus. In der ersten Handlungssituation wurde einem fiktiven Journalisten geldwerte Vorteile angeboten. Eine Gegenleistung wurde nicht gefordert.

77 Prozent der Befragten halten ein solches Angebot für verbreitet, 69 Prozent haben es schon selbst erlebt. In einer weiteren Handlungssituation wurden nicht-monetäre Vorteile, wie Einladungen, exklusive Informationen oder hilfreiche Kontakte angeboten und außerdem eine Gegenleistung in veränderter Berichterstattung gefordert. 38 Prozent der Befragten gaben dabei an, dass sie eine solche Praxis als verbreitet anzusehen. 20 Prozent haben dies selbst schon einmal erlebt. Hinzu kam eine dritte Handlungssituation, in der geldwerte Vorteile in Verbindung mit veränderter Berichterstattung gefordert wurden. Die Kluft zwischen der angenommenen Verbreitung und dem selbst erlebten Angebot ist hier besonders groß, was auf das Wahrnehmungsphänomen des Third-Person-Effekts hindeuten könnte. Demnachhalten befragte Personen andere (,dritte‘) Personen als beeinflussbarer als sich selbst.
Bildschirmfoto 2016-05-24 um 20.36.32
Verbreitung: (N=386. Frage: Wie verbreitet ist dieses Verhalten Ihrer Meinung nach bei Entscheidungsträgern, mit denen Journalisten regelmäßig zu tun haben?) Erlebt: (Frage: Haben Sie ein solches Verhalten selbst schon einmal erlebt?)
In den Angaben der Freitextfelder wird die unter­schiedliche Auffassung der Journalisten im Bezug auf Presserabatte sichtbar. Die Meinungen gehen dabei von Ablehnung, „Presserabatt gehört abgeschafft“, bis zur Akzeptanz dieser geldwerten Vorteile für Journalisten: „Wenn Unternehmen Presserabatte anbieten, die allen Journalisten offenstehen, halte ich das nicht für Korruption.“

Stehen die Rabatte nicht in einem direkten Verhältnis zur Berichterstattung, spricht für die Mehrheit der Journalisten, die eine Anmerkung zur Thematik hinterlassen haben, nichts gegen die Annahme von Rabatten. Sowohl freie als auch festangestellte Journalisten weisen jedoch daraufhin, dass das Aufkommen von Presserabatten in den letzten Jahren zurückgegangen ist. „Journalistenrabatte gibt es nach wie vor – sie werden aber zumindest meiner Beobachtung nach deutlich seltener. Zudem ist das Feingefühl in diesem Bereich deutlich gewachsen – längst wird nicht mehr alles angenommen“, schreibt ein Journalist.

Betrachtet man die Angaben zu bezahlten Reisen, so sind diese nach Einschätzung der befragten Journalisten nach wie vor präsent im journalistischen Berufsstand. Eine freie Journalistin, die hauptsächlich für Wochenzeitungen schreibt, verortet die Ursache bei den Medienorganisationen. „Da die Redaktionen kaum noch bzw. keine Spesen erstatten, ließen sich Berichte etwa fürs Reiseressort sonst nicht mehr realisieren.“ Eine andere Journalistin schreibt: „Die Reiseredaktionen verlassen sich darauf, dass die Reporter ihre Kosten zumindest teilweise bei den Veranstaltern hereinholen, indem sie um kostenlose Übernachtungen oder Beförderung bitten mit dem Hinweis, dass sie ja darüber berichten.“ Lehnen Journalisten die angebotenen Einladungen ab, laufen sie zudem Gefahr, bei einer erneuten Reise nicht mehr eingeladen zu werden, wie eine Ressortleiterin berichtet:

„Wie bereits gesagt, erhielt ich wiederholt das Angebot, an einer 10-tägigen Reise durch          Tansania mit allem Drum und Dran teilzunehmen, im Nachgang sollte ich natürlich darüber im Magazin berichten. Ich habe das Angebot nicht angenommen. Mit Blick in die       Magazinlandschaft des Dezembers/Januars konnte ich entdecken, dass einige Lifestyle-Magazine sich anders entschieden haben. Ich habe zwei Mal abgelehnt, wurde nun nicht wieder eingeladen. Ich habe nicht aus moralischen Gründen abgelehnt, sondern aus inhaltlichen. In Lifestyle-Magazinen wie der Art, für das ich arbeite, ist so gut wie jede Redaktion gekauft. Es hat letztendlich kaum mehr was mit Journalismus zu tun, was ich beruflich mache.“

Werden Vorteile mit einer Forderung verknüpft, handelt es sich aus Sicht der befragten Journalisten um einen direkten Versuch, Einfluss auf journalistische Inhalte zu nehmen. „Sobald damit eine Gegenleistung verknüpft ist, ist es ein No-Go.“ Mehrere Journalisten erwähnen, dass diese Vorgänge in der Praxis weniger offen ablaufen. Eine freie Journalistin, die hauptsächlich für das Kulturressort schreibt, ist sich der versuchten Beeinflussung bewusst, merkt allerdings an:

„Ich bekomme als kleine freie arme Journalistin selten solche Angebote und nehme sie nur an, wenn ich grundsätzlich eine positive Meinung über die künstlerische Leistung der Einladenden habe. Und ich nehme sie an, weil ich auch mal was von der Welt sehen will. Die Redaktionen selber zahlen solche Reisen nur extrem selten.“

Wahrnehmung und Erleben von strukturellen Korruptionsversuchen im Journalismus

Auf struktureller Ebene nehmen die Journalisten Druck sowohl von außen als auch von innen wahr: 70 Prozent der befragten Journalisten halten Pressionen und Erpressungsversuche durch Unternehmen für verbreitet. Rund 29 Prozent der Befragten haben ein solches Vorgehen eines Unternehmens schon einmal selbst erlebt, 46 Prozent davon in den letzten 12 Monaten. Von den 29 Prozent, die selbst schon einmal in einer solchen Situation waren, gaben sogar 15 Prozent (16 Journalisten) an, ihre Berichterstattung aufgrund dieser Drohungen verändert zu haben.

Zudem sind viele Medien­organisationen aufgrund ihrer angespannten wirtschaftlichen Situation auf der Suche nach neuen Einnahmequellen. Die Kopplung von Anzeigen und redaktionellen Beiträgen ist dabei immer wieder ein Thema in der Branche. „Es scheint, als ob die Grenze zwischen Redaktion und Anzeigen­abteilung in den letzten Jahren immer durchlässiger würde.“[1] Dies bestätigt auch die Frage nach der Verbreitung und dem persönlichen Erleben von Kopplungsgeschäfte und Druck durch Vertriebs- und Anzeigenabteilungen. 77 Prozent der Befragten halten diese für verbreitet. Mehr als ein Drittel hat zudem schon selbst erlebt, dass versucht wurde, Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen.

Bildschirmfoto 2016-05-24 um 20.37.49
(N=386. Frage: Wie verbreitet ist dieses Verhalten Ihrer Meinung nach bei den Unternehmen, mit denen Journalisten regelmäßig zu tun haben?) Wahrnehmung von Kopplungsgeschäften (Frage: Wie verbreitet ist diese Handlung Ihrer Meinung nach im Journalismus?)

Drohungen durch Unternehmen sind laut den Befragten keine Seltenheit. Problematisch wir es nach ihrer Ansicht jedoch erst, wenn Journalisten der Drohung nicht widersprechen. „Die Entscheidung, ob solchen Drohungen nachgegeben wird, liegt oft bei den Vorgesetzten. Gedroht wird oft auch von PR-Abteilungen im Promi- und Kulturbereich“, merkt eine Tageszeitungsredakteurin, die im Kulturressort arbeitet, an. Ein anderer Redakteur, der auch für eine Tageszeitung arbeitet, hat ähnliche Erfahrungen gemacht:

„Unternehmen drohen ständig, vielleicht nicht gegenüber dem Spiegel oder der Süddeutschen Zeitung, wohl aber gegenüber einer kleinen Regionalzeitung. Für eine solche arbeite ich, von Anrufen beim Chefredakteur, dem Ressortleiter oder gar dem Verleger wird immer wieder berichtet. Ich habe den Eindruck, dass solches Verhalten zunimmt, weil sich die Verlage aufgrund wegbrechender Anzeigenerlöse Widerstand nicht unbedingt leisten können. Mein Glück: Bisher ist unser Haus standhaft geblieben.“

Wenn man in den entsprechenden Themenfeldern unterwegs sei, berichtet ein Redakteur eines Online-Nachrichten­portals, seien Drohungen gegen Journalisten allgegenwärtig:

„Ich habe mir schon als Volontär vom Vorstandssprecher eines großen Medien­unternehmens     anhören müssen, er mache mich fertig und sorge dafür, dass ich nie mehr in diesem Beruf      arbeiten würde. Anzeigenboykotte habe ich mehrere Male erlebt (und zweimal durch Berichte mit verursacht). Klagedrohungen habe ich ein halbes Dutzend Mal erlebt. Einmal hat ein Minister versucht, Druck auszuüben, meine Kündigung zu erwirken. In allen Fällen wurde ich durch die Unternehmen, für die ich arbeitete, gedeckt. In keinem einzigen Fall hatten die Drohungen Konsequenzen, die Klagen Erfolg. Meine Erfahrung: je aggressiver und lauter die Drohung, desto ertappter der Drohende.“

 

Drohungen mit Entzug der Anzeigenaufträge bzw. mit Anzeigenschaltung verbundene Erwartungshaltung zur positiven Berichterstattung sei in allen Redaktionen üblich, für die sie arbeite, bzw. gearbeitet habe, räumt eine freie Journalistin ein: „Da nimmt man oft selbst gleich die Schere im Kopf.“ Nach der Einschätzung eines Hör­funkautors gebe es diesbezüglich auch einen vorauseilenden Gehorsam bei manchen Journalisten. „Ich habe selbst erlebt, wie der Chefredakteur eines kleinen Privatradios Einfluss auf die Berichterstattung genommen hat, um einen potentiellen Werbekunden nicht zu vergraulen. Glaube nicht, dass das Unternehmen das so verlangt hat.“

Auch Kopplungsgeschäfte und Einflussnahmen durch die Vertriebs- und Anzeigenabteilung werden zwar als „total verwerflich“ jedoch als „Praxis in (fast) jeder großen Redaktion“ beschrieben. „In Zeiten bröckelnder Anzeigenerlöse sinken an vielen Stellen die Hemmschwellen“, merkt eine Redakteurin an. Ein Journalist, der für eine Zeitschrift schreibt, ist selbst betroffen: „Leider ist das in meinem Verlag an der Tagesordnung. Auch allzu kritische Berichte über gute Anzeigenkunden gibt es nicht.“

Ein Redaktionsleiter einer Lokalzeitung kann hingegen bei der Einflussnahme durch die Vertriebs- und Anzeigenabteilung nichts Verwerfliches erkennen: „Für Hinweise aus der Anzeigenabteilung über Firma x oder y bin ich doch dankbar im Lokalen. Das hat nichts mit der Stoßrichtung der hinterher erscheinenden Geschichte zu tun.“

 Verschiedene Journalisten weisen zudem auf die Probleme von festangestellten Journalisten hin: „Für den Fall, dass Journalist und Vertriebsmitarbeiter im gleichen Unternehmen fest angestellt sind, halte ich es für mehr als weit verbreitet – eher normal.“ Laut einer Tageszeitungsredakteurin haben angestellte Journalisten oft keine Wahl: „Wenn sie sich weigern, riskieren sie den Arbeitsplatz.“

Globalfragen zur Wahrnehmung von Korruptionsanfälligkeit

Gefragt nach der Korruptionsanfälligkeit der verschiedenen Medientypen, nannten die Befragten am häufigsten den privaten Rundfunk, gefolgt von Zeitschriften/ Illustrierten und Weblogs. Als am wenigsten anfällig für Korruption werden Nachrichtenagenturen angesehen.

Bildschirmfoto 2016-05-24 um 20.40.32

Neben der Korruptionsanfälligkeit der Medientypen wurde diese auch für die einzelnen Ressorts abgefragt. Das Ressort Beauty/Kosmetik halten demnach 85 Prozent der Befragten für anfällig im Bezug auf korrupte Handlungen. Die des Öfteren in der wissenschaftlichen Literatur sowie im Branchendiskurs genannten Ressorts Auto und Reise folgen unmittelbar im Anschluss. Von den klassischen Kernressorts wurde Wirtschaft / Finanzen, Sport und Lokales am häufigsten ausgewählt.

Bildschirmfoto 2016-05-24 um 20.41.14

 Schutz vor Korruption in Redaktionen und Medienorganisationen

Um Korruption in Redaktionen und Medienorganisationen vorzubeugen, wurden in den letzten Jahren verstärkt Maßnahmen auf organisationaler Ebene implementiert. Festgehalten werden diese Regelungen gewöhnlich in redaktionellen Leitbildern oder Verhaltenskodizes (Code of Conduct). Auch ganze Compliance-Programme zur Verhinderung von Korruption in Medienorganisationen, welche mehrere Maßnahmen bündeln, wurden erstellt. Nicht immer ist jedoch für Außenstehende ersichtlich, ob die Redaktion oder Medienorganisation über solche festgeschriebenen Regelungen verfügt. Aus diesem Grund wurde ihre Existenz in dieser Befragung bei den Journalisten abgefragt. Ein besonderes Problem ergibt sich dabei für freie Journalisten, da diese für mehrere Redaktionen oder Medien­organisationen arbeiten können. Es wurde daher nach der Redaktion oder Medienorganisation gefragt, für die die Befragten hauptsächlich arbeiten.

Bei der Untersuchung zeigte sich, dass nur etwa die Hälfte der befragten Journalisten von der Existenz eines Verhaltenskodizes in ihrer Redaktion weiß. Das Vorhandensein eines Compliance-Programms in ihrer Medienorganisation konnten sogar nur 24 Prozent der Befragten bestätigen.
Maßnahmen zum Schutz vor Korruption in Redaktionen und Medienorganisationen:

Bildschirmfoto 2016-05-24 um 20.42.22
(N=386. Frage: Bitte sagen Sie mir nun, ob folgende Aussagen auf Sie zutreffen:
 In dem Medienunternehmen bzw. in der Redaktion, für die ich hauptsächlich arbeite, gibt es …)

Unterschiede gab es dabei zwischen den Medientypen: Journalisten, die hauptsächlich für Printmedien arbeiten (n=208), gaben zu 39 Prozent an, über Richtlinien zum Umgang mit Presserabatten und Geschenken sowie zum Schutz vor Beeinflussung zu verfügen. Bei die Onlinemedien (n=61) waren es 56 Prozent, für das Fernsehen (n=88) waren es sogar 72 Prozent.[2]

Bei der Beurteilung der bestehenden Verhaltensregeln zur Verhinderung von korrupten Handlungen im Berufsfeld allgemein ergab sich in der Befragung ein geteiltes Bild. 44 Prozent der Befragten halten die bestehenden Regelungen für aus­reichend, 43 Prozent sagen hingegen, dass diese nicht ausreichen würden.[3]

Bildschirmfoto 2016-05-24 um 20.43.19
(N=386. Frage: Halten Sie die bestehenden Verhaltensregeln im Journalismus fur ausreichend im Hinblick auf die Verhinderung von korrupten Handlungen im Berufsfeld?)
Unterschiede in der Bewertung wurden dabei zwischen Journalisten in Festanstellung und freien Journalisten sichtbar.[4] So halten 39 Prozent der Festangestellten (n=173) die bestehenden Verhaltensregeln zur Verhinderung von korrupten Handlungen im Berufsfeld für nicht ausreichend. Bei den freien Journalisten (n=138) sind es hingegen 48 Prozent.

Zusammenhänge zwischen erlebten Korruptionsversuchen und ausgewählten Faktoren

Der Lokaljournalismus

Besonders der Lokaljournalismus steht im Verdacht, wenn es um Gefälligkeits­journalismus und klebrige Nähe zu Akteuren der Berichter­stattung geht. Eine Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Berichterstattungsgebiet der Journalisten und dem persönlichen erleben von Korruptionsversuchen erschient daher sinnvoll.

Die Untersuchung zeigt, dass die befragten Lokaljournalisten sowohl auf individueller als auch auf struktureller Ebene häufiger als ihre nicht im Lokalen tätigen Kollegen Korruptions­versuche erleben. Eine versuchte Bestechung mit geldwerten Vorteilen haben 23 Prozent der im Lokalen arbeitenden Journalisten schon einmal persönlich erlebt. Von den Journalisten, die nicht im Lokalen arbeiten, erhielten hingegen 11 Prozent schon einmal einen Bestechungs­versuch mit monetären Vorteilen.[5] Besonders deutlich wird der Unterschied bei der versuchten Einflussnahmen durch Anzeigenabteilungen. 61 Prozent der befragten Lokaljournalisten haben diese Art der strukturellen Korruption schon einmal selbst erlebt. Bei den Journalisten, die nicht für ein lokal ausgerichtetes Medium arbeiten, waren es nur 26 Prozent.[6]

Die Medientypen

Auch zwischen den Medientypen wurden signifikante Unterschiede vermutet. Wir die folgende Grafik zeigt, würden sie jedoch nur zu Teilen bestätigt.

Bildschirmfoto 2016-05-24 um 20.44.55
(N=357. Hörfunk und Sonstige wurden aufgrund geringer Fallzahlen ausgeschlossen.) Signifikanz: *** p=.000, ** p ≤.001, *p≤.05

Bestechungsversuche mit Informationen, hilfreichen Kontakten oder mit Nähe wurden von 26 Prozent der Printjournalisten (n=208) schon einmal persönlich erlebt. Bei den Journalisten, die für das Medium Fernsehen arbeiten (n=88), waren es 10 Prozent. Für die versuchte Bestechung mit geldwerten Vorteilen konnte kein signifikanter Unterschied zwischen den Medientypen festgestellt werden. Versuchte Erpressung oder Druck vonseiten eines Unternehmens haben 35 Prozent der Printjournalisten schon einmal selbst erlebt. Bei den Journalisten, die für ein Online-Medium arbeiten, waren es 25 Prozent; bei den Fernseh-Journalisten 15 Prozent. Der Unterschied ist dem Chi-Quadrat-Test nach Pearson zufolge höchstsignifikant. [7]

Der größte Unterschied zwischen Print- und Fernsehjournalisten ergab sich jedoch bei der versuchten Einflussnahme durch Anzeigenabteilungen.[8] 42 Prozent der Printjournalisten haben dies schon einmal persönlich erlebt. Bei den Fernsehjournalisten sind es nur 11 Prozent, was vermutlich der Tatsache geschuldet, dass 90 Prozent dieser Journalisten für eine öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt arbeiten.

Schlussbetrachtung

Mit der vorliegenden Arbeit konnte ein erster wichtiger Schritt zur Erforschung des Phänomens Korruption im Journalismus getätigt werden. Der besondere Fokus lag dabei auf der Problemwahrnehmung der handelnden Journalisten. Die Ergebnisse der Befragung gewähren einen Einblick zum alltäglichen Umgang mit dem Untersuchungsgegenstand. Dabei zeigt sich, dass Korruptionsversuche von den befragten Journalisten sowohl wahrgenommen als auch persönlich erlebt werden. Auf individueller Ebene sind es besonders kleine Annehmlichkeiten, wie Geschenke oder Einladungen durch Unternehmen, die von den befragten Journalisten wahrgenommen und in verschiedenen Fällen auch selbst in Anspruch genommen werden. Mit der Forderung einer Gegenleistung in Form von journalistischer Berichterstattung verändert sich die Situationsbewertung durch die Journalisten. An dieser Stelle beginnt für sie der Versuch der Korruption. Problematisch ist hierbei, dass sich die Forderung einer Gegenleistung in der Praxis als weitaus komplexer herausstellt, als sich dies in einer Situationsbeschreibung darstellen ließe. Es gibt Formen der Anbahnung, welche von den Betroffenen nicht als solche wahrgenommen werden. Die oft zitierte „Schere im Kopf“ kann z.B. zudem dazu führen, dass eine Gegenleistung auch unaufgefordert gewährt wird.

Auf struktureller Ebene zeigt sich, dass die Instrumentalisierung zunimmt. Der Druck auf die Journalisten wächst, sowohl von innen als auch von außen. Auch die befragten Journalisten beklagen in den Freitextangaben eine starke Zunahme dieser Praktiken. Verursacht durch die Anzeigenkrise sind vor allem die Printmedien anfällig für diese Form der Korruption geworden, die verschiedenen, von den befragten Journalisten geschilderten Fälle, reichen bis zur Erpressung. Besonders im Lokalen sehen sich die Befragten dieser Praxis ausgesetzt.

Die Befragung zeigte außerdem, dass die Korruptions­prävention im Journalismus noch ausgebaut werden kann bzw. muss. Gerade freie Journalisten, die für mehrere Auftraggeber arbeiten, wissen oft nichts über das Vorhandensein eines Verhaltenskodex oder eines Compliance-Programms in den einzelnen Medien­organisationen oder Redaktionen. Zudem halten über 40 Prozent der Befragten die bestehenden Schutzmaßnahmen zur Verhinderung von Korruption für nicht ausreichend. An dieser Stelle sollte weitere Aufklärungsarbeit geleistet werden, z.B. in Form von Schulungen bei der Ausbildung der Journalisten. Hier können Organisationen wie Transparency International Deutschland einen wertvollen Beitrag leisten.

[1] Porlezza 2014: 13
[2] Der Unterschied ist dem Chi-Quadrat-Test nach Pearson zufolge mit p = ,000 höchstsignifikant.
[3] 13 Prozent wusste keine Antwort auf die Frage.
[4] Der Unterschied ist dem Chi-Quadrat-Test nach Pearson zufolge mit p = ,072 jedoch knapp nicht signifikant.
[5] Der Chi-Quadrat-Test nach Pearson ist mit p = ,002 sehr signifikant.
[6] Der Unterschied ist dem Chi-Quadrat-Test nach Pearson zufolge mit p = ,000 höchstsignifikant.
[7] p = ,000
[8] p = ,000

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>