Formen der Korruption im Journalismus

Korruption im Journalismus kann subtile Ausprägungen annehmen, die für Außenstehende nur sehr schwer zu durchschauen sind. Daher erscheint es an dieser Stelle sinnvoll die verschiedenen Formen der Korruption im Journalismus zu systematisieren.[1] Hierfür kann zwischen individuellen Korruptionshandlungen und strukturellen Korruptions­handlungen unterschieden werden. Das korruptive Handeln einzelner Journalisten wird dabei der individuellen Korruption zugerechnet. Korruptive Praktiken in bzw. durch Medienorganisationen werden als strukturelle Korruption angesehen. Korruptionshandlungen in Redaktionen können sowohl individueller als auch struktureller Natur sein.

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Betrachtet man die Beziehung zwischen Journalist und Korruptionsgeber, so lässt sich die individuelle Korruption weiter in Tauschgeschäfte und einseitige Zahlungen/Transfers unterscheiden. Bei Ersterem verfolgt der Geber sein Ziel im Einvernehmen mit der Person, deren Entscheidung er beeinflussen möchte.[2] Damit diese Form der Korruption umgesetzt werden kann, müssen sowohl vonseiten des Gebers als auch vonseiten des Nehmers Absprachen getroffen werden. Für den Journalismus bedeutet dies, dass der Geber (z.B. ein Unternehmen) einem Journalisten einen Vorteil verschafft. Im kurzen Abstand auf den geleisteten Vorteil gewährt der Journalist dem Unternehmen dann ebenso einen Vorteil, z.B. in Form positiver Berichterstattung. Es kommt somit zu einem Austausch von Leistungen, den ein Autojournalist wie folgt beschreibt:

“Volkswagen hatte geladen. Hatte mich nach Cannes geflogen und im legendären Hilton an der Strandpromenade einquartiert. Man würde mich mit feinsten Menüs und erstklassigem Wein verwöhnen und mir wenigstens einen goldenen Kugelschreiber oder eine originalverpackte Goretex-Jacke aufs Kopfkissen legen. … Meine Gegenleistung: Ich musste eine Pressekonferenz von 45 Minuten über mich ergehen lassen. Am nächsten Morgen, zwei, drei Stunden lang die Mühe auf mich nehmen, mit kleinen Nutzfahrzeugen am Mittelmeer entlangzufahren. Und später einen kleinen netten Artikel schreiben. Ein prima Deal!” (Straßmann 2003 zit. n. Kleinsteuber/Thimm 2008: 275).

Einseitige Zahlungen/Transfers erfolgen hingegen lediglich in der Hoffnung auf künftige Kooperationen.[3] Die Korruptions­wissenschaft spricht bei dieser Form der Anbahnung von „Anfüttern“. Dabei handelt es sich um „die subtile Strategie zur Herstellung von Abhängigkeit“.[4] Auf den ersten Blick beginnt die Korruptionsbeziehung mit kleinen Aufmerksamkeiten oder Geschenken. Eine konkrete Gegenleistung wird nicht gefordert. Der Umfang der Annehmlichkeiten ist so gestaltet, dass der Journalist vor sich selbst aber auch vor anderen Personen sagen kann: Dafür lasse ich mich doch nicht kaufen.

Durch die stetige Steigerung der Vorteile, versucht der Korruptionsgeber gezielt die Nehmer-Qualität des Journalisten auszutesten. Gleichzeitig wird die Abhängigkeit mit der Dauer der Beziehung immer größer. Die Aufmerksamkeiten ohne direkte Gegenleistung begünstigten ein „Amigoverhältnis“, das sich auf längere Sicht für den Geber auszahlt.[5] Denn wer zahlt, erwartet Entgegenkommen. Wird jedoch kritisch berichtet bleiben die Einladungen und Begünstigungen aus. „Der Angefütterte hängt, erpressbar geworden, am Haken.“[6]

Anfüttern im Journalismus[7]:

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Gefälligkeiten im Journalismus

Die Art des Vorteils, den der Geber anbietet, variiert dabei von Fall zu Fall. Man kann sich die Gefälligkeiten wie ein Buffet vorstellen, bei dem sich der Nehmer (Journalist) bedienen kann. Zur Vorspeise könnte ein Journalist z.B. bei Geschenken in den verschiedensten Formen zugreifen, von Geschenktüten[8] über elektronische Vorführgeräte bis hin zu Testwagen.[9] Zum Hauptgang gäbe es von Unternehmen bezahlte Pressereisen, die wie im Fall des Autoherstellers Volkswagen, auch mal bis zu 25.000 Euro pro Journalist kosten können.[10]
Zum Nachtisch könnte sich der Journalist bei einem von der Wirtschaft oder dessen Lobby gesponserten Journalistenpreis bewerben[11] oder für die Moderation einer werblichen Veranstaltung zwischen 1.500 und 35.000 Euro kassieren.[12] Damit sind nur einige geldwerte Vorteile genannt.

Neben diesen Gefälligkeiten sind es aber auch persönliche Vorteile nichtmonetärer Art, die zur Gewährung eines Vorteils führen können. Auf dieses Problem machte einst schon Kurt Tucholsky aufmerksam: “Der deutsche Journalist braucht nicht bestochen zu werden. Er ist stolz, eingeladen zu sein, er ist stolz, wie eine Macht behandelt zu werden.”[13] Bei manchen Journalisten reiche es gar aus, ihre Eitelkeit mit Worten zu bedienen, resümiert die Medienjournalistin Ulrike Simon.

„Nähe korrumpiert“, schrieb der frühere Hauptstadtkorrespondent Peter Zudeick in dem vielzitierten Artikel „Ein Schmiergeld namens Nähe“ über das Verhältnis zwischen Journalisten und Politikern in Bonn Ende der 1980er Jahre.[14] Das Problematische daran ist: Wer zu nah dran ist, gerät in die Gefahr einer Abhängigkeit und gefährdet so seine Objektivität gegenüber Personen und Themen. Ist der Journalist jedoch zu weit weg, wird er nur schwer Neuigkeiten liefern können.

Dies gilt besonders für den Politikjournalismus, wo der Zugang zu exklusiven Informationen die wichtigste Währung im Berufsalltag ist.[15] Pierre Bourdieu hat hierfür den Begriff des Sozialkapitals geprägt. „Das angehäufte Sozialkapital der Journalisten in Form von exklusivem Zugang zu hochrangigen Quellen kann so potenziell zu Neben­wirkungen in Form von Schweigespiraleffekten führen.“[16]Ein langjähriger persönlicher Kontakt zu Informations­gebern birgt demnach das Risiko eines Zurückhaltens von negativer Berichterstattung. Je näher man mit jemandem zusammen ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man die berühmte Schere im Kopf klappern lässt.

Werden Beteiligte mit Vorwürfen konfrontiert, kommt es immer wieder zu der Schutzbehauptung, es handele sich nicht um Korruption, da die Annahme oder Gewährung des Vorteils zu keiner veränderten Berichterstattung geführt habe.[17] Eine Beeinflussung durch Nähe nachzuweisen, gestaltet sich daher als äußerst diffizil.

Kopplungsgeschäfte

Bei der Thematisierung von Korruption im Journalismus steht zumeist das Verhalten individuell handelnder Journalisten im Vordergrund, welche den ihnen gebotenen persönlichen Vorteilen nicht widerstehen konnten. Für eine generelle Betrachtung der Problematik ist diese Sichtweise jedoch nur eingeschränkt erfolgversprechend, blendet sie doch korruptive Praktiken in Redaktionen oder Medien­unternehmen aus.

Auf der Suche nach neuen Einnahmenquellen, u.a. um rückläufige Werbeeinnahmen zu kompensieren, bieten die Medienorganisationen ihren Anzeige- und Werbekunden spezielle Formen der Werbung an und öffnen dabei ihre journalistischen Angebote. Oftmals befinden sich die Medienorganisationen mit ihren Werbeformen in einer Grauzone. Diese endet jedoch, sobald die Rezipienten nicht über die werblichen Inhalte informiert werden.

Um eine eindeutige Form der journalistischen Korruption handelt es sich hingegen, wenn im Zusammenhang mit einem Anzeigenauftrag redaktionelle Beiträge als Gegenleistung angeboten, gefordert oder gewährt werden.[18] Diese Form der verdeckten Werbung wird Kopplungsgeschäft genannt. Die Absprachen werden zumeist auf der strukturellen Ebene der Medien­organisation getroffen und untergraben den Trennungsgrundsatz zwischen werblichen und redaktionellen Inhalten.

Wie verbreitet diese Form der journalistischen Korruption in der Praxis ist, zeigt eine Untersuchung aus dem Jahr 2002, bei der Redaktionsleiter deutscher Abonnementszeitungen zu ihrer Einschätzung bezüglich der Umsetzung des Trennungsgrundsatzes befragt wurden. Dabei nannten die verantwortlichen Journalisten mehrere Strategien, die zu dessen Aufweichung der Grenze zwischen Redaktion und Verlag führen. Kopplungs­geschäfte wurden dabei am häufigsten erwähnt. 61 Prozent der Chefredakteure nannten sie an erster oder zweiter Stelle – 44 Prozent sahen in Kopplungsgeschäfte gar eine gängige Praxis.[19]

Erpressung

Bei der Erpressung gehen die Meinungen in der Wissenschaft auseinander. Zum einen ist man sich nicht einig, ob es sich bei dieser Form der Drohung überhaupt um Korruption handelt,[20] zum anderen kann sie im Bezug auf den Journalismus sowohl zur individuellen Ebene als auch zu strukturellen Ebene gezählt werden. Auf beiden Ebenen kam es in der Vergangenheit zu Fällen. An die Öffentlichkeit gelangen diese jedoch nur äußerst selten, da weder der Erpresser noch die Redaktion bzw. die Medienorganisation ein Interesse an einer Thematisierung haben.

Einer der wenigen öffentlich thematisieren Fälle ereignete sich 2005 zwischen dem Lebensmitteldiscounter Lidl und den Badischen Neuesten Nachrichten. Das Unternehmen drohte der Regionalzeitung aufgrund kritischer Berichter­stattung mit einem Werbeentzug und bestellte sogar die Geschäftsführung der Zeitung zum Gespräch. Diese entließ daraufhin die Mitarbeiterin, welche den kritischen Artikeln geschrieben hatte. Erst nach einer offiziellen Entschuldigung wurde sie wieder eingestellt.[21]

Welche Größen­­ordnungen ein Entzug von Werbeaufträgen annehmen kann, zeigt ein Fall, welcher sich zwischen der Süd­deutsche Zeitung (SZ) und Aldi Süd abspielte. Aufgrund mehrerer kritischer Artikel stoppte das Unternehmen alle Anzeigen­schaltungen bei der SZ, wodurch dem Verlag Ein­nahmen im Wert von rund 1,5 Millionen Euro verloren gingen.[22] Die Höhe dieser entgangenen Einnahmen lässt erahnen, wie groß das Drohpotenzial von Unternehmen mitunter ist.

[1] vgl. Ristow 2010: 10

[2] vgl. Redwitz 2014: 14f

[3] vgl. Fengler/Ruß-Mohl 2005: 186

[4] Bannenberg/Schaupensteiner 2007: 50

[5] vgl. ebd. 51

[6] ebd. 52

[7] vgl. Redwitz 2014: 16

[8] vgl. Simon 2009: 53

[9] vgl. Eichelkamp/Seitz 2013: 205

[10] vgl. Kartheuser 2013: 12

[11] vgl. Eichelkamp/Seitz 2013: 205

[12] vgl. Simon 2009: 56; vgl. Siegert/Daniel 2015: 15

[13] Tucholsky zit. n. Leyendecker 2006: 234

[14] Zudeick 1987: 26

[15] vgl. Kramp/Weichert 2010: 163

[16] Krüger 2013: 150

[17] vgl. Hoffjann/Arlt 2015: 103

[18] Branahl 2013: 295

[19] vgl. Baerns/ Feldschow 2004: 139f.

[20] vgl. Schweitzer 2009: 47

[21] vgl. Grimberg 2009

[22] vgl. Lagetar/Mühlbauer 2012: 169f

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